Verputz- und Malerarbeiten in der "Biblioteca Ilanz Glion"
Mit der Eröffnung der neuen Bibliothek in Ilanz/Glion im Sommer 2024 erhielt die historische Altstadt von Ilanz nicht nur einen kulturellen Treffpunkt, sondern auch ein eindrucksvolles Beispiel für sorgfältig ausgeführte Handwerkskunst. Besonders die Verputz- und Malerarbeiten spielten bei der aufwändigen Renovation der denkmalgeschützten Gebäude aus dem 17. und 18. Jahrhundert eine zentrale Rolle und trugen entscheidend dazu bei, den historischen Charakter zu bewahren und zugleich eine zeitgemässe Nutzung zu ermöglichen. Das moderne und individuelle Bibliothekskonzept ist unter Berücksichtigung entstanden, dass die erhaltenswerte Gebäudestruktur belassen wird.
Blick von der Nebengasse auf die frisch restaurierte Fassade ©Jaromir Kreiliger
Ansicht nach der Aussenrenovation ©Jaromir Kreiliger
So sahen die Fassaden vor der Renovation aus ©Jaromir Kreiliger
Renovation und Restaurierung der Fassade – Kalk im Mittelpunkt
Bei der Befunduntersuchung der Fassade durch den Restaurator zeigte sich, dass unter dem vorhandenen Verputz ein wesentlich älterer liegt: Ein Kalkputz aus der Bauzeit aus der 1. Hälfte des 17. Jh. – der zudem einfache Dekorationsmalereien um die Fenster und eine Eckquaderbemalung aufwies.
Das Farbkonzept für die Renovation basierte auf der Befundanalyse und wurde auf die Bauzeit der Liegenschaften (17. Jh. und frühes 19. Jh.) und gleichzeitig auf das Ortsbild der Altstadt von Ilanz abgestimmt. Für den Verputz wurden sowohl hinsichtlich der Verarbeitungsweise wie auch der Materialwahl auf die zur Erbauungszeit übliche Ausführungstechnik und die damals möglichen farblichen Gestaltungen zurückgegriffen. Der alte, glatte und seinerzeit mit der Kelle aufgetragene Fassadenverputz wurde freigelegt, ergänzt und al fresco gekalkt, die originale Farbfassung freigelegt und restauriert. Dabei bewegte man sich in den farblichen Möglichkeiten, die Kalk als Anstrichträger und Bindemittel zulässt und somit im gleichen Farbspektrum, wie das zur Erstellungszeit der Liegenschaften möglich war.
Die Fassade der jüngeren Liegenschaft wurde mit dem Wormser, einer alten manuellen Spritzmaschine für Verputze, mit einem neuen, mit rein mineralischen Pigmenten eingefärbten Kalkputz versehen. Diese Technik wird heute nur noch von Spezialisten beherrscht.
Verfestigen von Sichtmauerwerk, Sichtbeton und Terrazzo aus dem Vorderrhein
Die historische Brandmauer zur Nachbarliegenschaft wurde nur gereinigt und mit Kieselsäureester verfestigt. Sie ist der Kontrapunkt zum im Kern der Liegenschaft neu in feinem Sichtbeton errichteten Treppenhaus. Auf ein Verputzen der Brandmauer wurde bewusst verzichtet, um die Baugeschichte der aneinandergebauten Liegenschaften ablesbar zu erhalten. Das Nebeneinander der Natursteinmauer und dem neuen Sichtbeton ist ein spannender Kontrast. Dieser wird durch den Terrazzoboden charaktervoll betont. Der Terrazzo wurde mit Kieselsteinen aus dem in Ilanz durchfliessenden Vorderrhein nach dem Terroir-Prinzip neu geschaffen: Berührt vom Ort.
Ton-Kalkputz im Innenbereich
Die im inneren der Liegenschaft neu verputzen Wände wurden mit einem Ton-Kalkputz ausgeführt. Durch die Verbindung von Ton und Kalk verbinden sich diese beiden traditionellen Materialien zu einem mineralischen und kreislauffähigen Putz. Durch seine Wiederverwendbarkeit (der Ton ist reversibel) kann das bereits verbaute Material bei einer späteren Renovation vor Ort aufbereitet und neu eingesetzt werden. Der Zusatz von Kalk als Bindemittelkomponente zum nahezu CO2-neutralen Lehm macht diesen Verputz deutlich stabiler als reine Lehmputze. Damit ist KEIM Janus auch für stärker beanspruchte Innenräume bestens geeignet und trägt durch seine Feuchteregulierung zu einem gesunden Wohnklima bei.
Blick in die Städtligasse ©Jaromir Kreiliger
Die Aussenterrasse der hinteren Fassade ©Jaromir Kreiliger
Blick in die Städtligasse vor den Renovationsarbeiten ©Jaromir Kreiliger
Ansicht der hinteren Fassade vor der Renovation ©Jaromir Kreiliger
Historische Maltechniken neu belebt
Ein Höhepunkt der Arbeiten war die Restaurierung und Ergänzung des Täfers im ersten Obergeschoss. Hier setzte der Maler die Technik des Faux Bois ein – eine kunstvolle Holzimitation, die bereits im 19. Jahrhundert verwendet wurde, um einfaches Tannenholz optisch in edle Eiche oder Nussbaum zu verwandeln. Mit geschickter Hand wurden die vorhandenen Holzimitationen restauriert. Die vorgenommenen, rohen Täfer Ergänzungen wurden mit fünf bis sechs sorgfältigen Arbeitsgängen von einfachem Tannenholz zu mit Nussbaumfriesen umfasstem Eichenholz verwandelt. Dank dieser noch bis in die 1920er Jahre verbreiteten Maltechnik konnte der historische Raumeindruck nicht nur erhalten, sondern in seiner Wirkung verstärkt werden. Diese Maltechnik kann heute noch im Ausbildungszentrum des Malermeisterverbandes erlernt werden und ist mit den anderen Imitationstechniken wie Marmorimitation und auch Betonkosmetik verwandt: Sie alle basieren auf der Technik der Lasur, so unterschiedlich ihre Bindemittel und Pigmente auch sind.
Sämtliche deckenden Anstriche wurden mit einer Ölfarbe ausgeführt, die sowohl mit dem Pinsel aufgetragen als auch ausgezogen wurde. Dadurch ist im Streiflicht die feine Maserung des Holzes sichtbar.
Das Maserierwerkzeug liegt bereit ©Jaromir Kreiliger
Die Maserierarbeiten schreiten voran ©Jaromir Kreiliger
Blick Richtung Durchgang mit Holzmaserierung im Vordergrund ©Jaromir Kreiliger
Blick vom Obergeschoss zum Erdgeschoss der Biblioteca ©Jaromir Kreiliger
Farben, die Geschichten erzählen
Neben der Handwerkskunst hatten die Verputz- und Malerarbeiten auch eine kulturelle Dimension. Sie brachten die Geschichte der historischen Liegenschaften buchstäblich wieder zum Vorschein: Farben, Strukturen und Oberflächen erzählen vom Wandel der technischen Möglichkeiten, der Zeit und vom Leben in den alten Mauern. Die Kombination aus behutsamer Restaurierung der Substanz und gezielten, auf die Erstellungszeit der Liegenschaften abgestimmten Ergänzungen, schuf eine harmonische Balance zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Blick auf die Aussenterrasse ©Jaromir Kreiliger
Blick in die Bibliothek ©Jaromir Kreiliger
©Jaromir Kreiliger
Eine Patrizierstube für die Öffentlichkeit
Ein besonderes Schmuckstück ist die ehemalige Wohnstube, die heute als „La Stivetta“ genutzt wird. Hier unterstreichen die neue Täfelung aus Arvenholz und der wieder instand gestellte, alte Specksteinofen die gemütliche Atmosphäre des Raumes. Der Duft der Arve macht den Raum zu einem Ort des Verweilens, des Lesens oder einer Partie Schach.
Blick in die Stivetta ©Jaromir Kreiliger
Die Stivetta vor den Renovationsarbeiten ©Jaromir Kreiliger
Qualität und Nachhaltigkeit
Die Arbeiten standen ganz im Zeichen von Nachhaltigkeit und Bestandserhaltung. Statt auf neue Materialien zu setzen, wurden vorhandene Strukturen freigelegt, schonend behandelt und in die neue Nutzung integriert. Ob aufgefrischte Decken mit Pinsel und Ölfarbe, schonend abgelaugte Täferwände oder sorgfältig gereinigte Naturholzböden – die Maler schufen Oberflächen, die zugleich authentisch und langlebig sind.
Empfangsbereich der Bibliothek ©Jaromir Kreiliger
Blick in den Durchgang ©Jaromir Kreiliger
Fazit
Die Malerarbeiten in der „biblioteca ilanz glion“ zeigen eindrucksvoll, wie historisches Handwerk und moderne Anforderungen in Einklang gebracht werden können. Mit viel Liebe zum Detail und großem Respekt vor der Geschichte ist es gelungen, den Räumen ihren ursprünglichen Charakter zurückzugeben und gleichzeitig ein inspirierendes Umfeld für Bildung, Begegnung und Kultur zu schaffen.
Auszeichnung und Unterschutzstellung
Die neue Schul- und Gemeindebibliothek Ilanz wurde 2025 mit dem internationalen ABI-Technik-Preis für “Ökologisches Bauen von Archiven und Bibliotheken” ausgezeichnet und mit Abschluss der Arbeiten unter Schutz der Denkmalpflege des Kanton Graubünden gestellt.
Ausführung der Arbeiten:
Architektur und Bauleitung: Curschellas & Gasser, Ilanz
Fassadenverputze: Fa. Bolfing, Ibach
Innenverputze: Fa. Bianchi, Obersaxen
Malerarbeiten: Schaub Maler AG, Wetzikon
Restaurierung: Fontana & Fontana, Rapperswil-Jona
Der Lesebereich in der Biblioteca ©Jaromir Kreiliger